Mittwoch, 29. Juni 2016

"Die Eismacher" von Ernest van der Kwast

Ganz anders als erwartet, nämlich viel besser: 
Die Familie Talamini aus einem kleinen Dorf in Italien, kann auf eine lange Tradition von Eismachern zurückblicken. 1891 hörte der Großvater Giuseppe zum ersten Mal davon, dass man Speiseeis herstellen kann. In jener Nacht, als er als Junge seinem Vater dabei half, Eis von den Hängen des Gletschers in riesige Waggons zu verladen, die durch den gerade fertiggestellten Gotthard-Tunnel transportiert werden sollten, besiegelte er das Schicksal sämtlicher nach ihm folgender Generationen. Denn in den darauffolgenden Jahren wanderte er jeden Sommer zu Fuss nach Wien, die schwere Eismaschine, eine Holztonne mit Metallzylinder und einer Handkurbel, auf seinem Rücken und verkaufte dort Eis in den verschiedensten Sorten. 

"Das Wichtigste ist ein gutes Rezept", erklärte der Eismacher. 
"Wie komme ich an ein gutes Rezept?" 
"Die besten sind geheim, aber eins kann ich dir geben. Wenn du damit zurechtkommst, musst du einfach etwas anderes ausprobieren." Als er weitersprach, dämpfte er die Stimme. "Alles ist möglich, man kann aus allem Eis machen."  
Worte eines Propheten.

So wurde auch der Vater ein Eismacher. Seit 57 Jahren betreibt er im Sommer ein Eiscafé in Rotterdam, zusammen mit seiner Frau. Und natürlich arbeiten dort auch seine beiden Söhne, wenn sie Zeit haben, Luca und Giovanni. Und es ist keine Frage, dass sie das Eiscafé in die nächste Generation führen werden, ohne Murren, ohne Fragen, weil es die Tradition so will.

"Eismacher weinen nicht, sie schwitzen. Sie leiden, sie haben keinen Sommer, sie haben kein Leben."

Doch Giovanni ist anders. Er entdeckt die Liebe zur Lyrik, bricht mit der Familie und verlässt den Eismacherteufelskreis, der ganze Familien knechtet, ihnen keine andere Wahl lässt, sie von morgens bis abends über der Theke stehen lässt, um Kindern, Eltern, Studenten und Touristen die neuesten Kreationen zu überreichen. Er bereist die Welt, trifft Dichter und Poeten aus der ganzen Welt und kehrt doch immer wieder nach Rotterdam zurück, in das Eiscafé, das sein Bruder inzwischen mit seiner Frau und den Eltern betreibt, um sich ihren Vorwürfen zu stellen, warum ausgerechnet er meinte, das Leben hätte noch etwas anderes zu bieten als Eis.

Erwartet hatte ich eine locker-leichte Sommergeschichte über eine Eismacherfamilie, bekommen habe ich etwas ganz anderes: eine Geschichte, die die Härte dieses Lebens beschreibt, die Zerissenheit einer Familie, verletzte Gefühle und doch kann keiner ohne den anderen. Wie kann es jemand wagen, mit dieser ganzen Familientradition zu brechen und sich ein anderes Leben aufzubauen? Und dann auch noch Lyrik? Und gerade diese Mischung hat das Buch für ich besonders lesenswert gemacht. Auf der einen Seite die Beschreibung der Tradition, wie hat das erste Eis geschmeckt, dass der Großvater im Keller des Bergdorfes zusammen gerührt hat, nachdem er stundenlang am Fuße des Gletschers Eis gesammelt hatte? Was ist das Faszinierende am Eis, dass sich ihm ganze Generationen untergeordnet haben? Und auf der anderen Seite das Moderne, etwas das keiner außer Giovanni erfassen kann, die Liebe zum Wort, zur Poesie und die Beschreibung der verschiedenen Festivals zu Ehren verschiedenster Dichter auf der ganzen Welt.

Donnerstag, 9. Juni 2016

"Trümmergöre" von Monika Held

Über eine Kindheit im Nachkriegs-Hamburg: 
 
"1923 kostete ein Ei 320 Milliarden Papiermark!" 
Jula liebt solche Geschichten, die ihre Großmutter ihr erzählt. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wächst sie zunächst bei ihr auf, nachdem ihr Vater sie mit vier Jahren bei ihr abgegeben hat, um wieder seinem Beruf nachgehen zu können. Sie versteht nicht, warum er sie dort zurück gelassen hat. Sie versteht auch nicht, warum in der Wohnung der Großmutter noch Onkel Hans lebt, denn die Großmutter und er sprechen nicht miteinander. Aber sie gewöhnt sich daran, denn in diesen schweren Zeiten ist nichts normal. Sie geht zur Schule und danach zum Platz, auf dem ihr Onkel gebrauchte Autos verkauft. Sie macht ihre Hausaufgaben bei Schuten-Ede in einer Kneipe auf St. Pauli und möchte eines Tages so werden wie Inge-Musch, das Flittchen. Sie ist Trümmer-Ottos As im Ärmel, wenn er Verhandlungen führt. Und als ihr Vater sie mit 12 Jahren wieder zu sich holt, ist er entsetzt, was aus ihr geworden ist. Doch Jula ist nicht bereit, ihre alten Freunde aufzugeben, besucht sie weiter heimlich, auch wenn sich das für eine Diplomatentochter nicht gehört. Und sieht immer mehr, welche Last sie alle mit sich herumtragen, wie sie es trotzdem schaffen, jeden Tag neu zu beginnen und vor allem weiß sie, dass Onkel Hans sie jetzt braucht, so wie sie ihn gebraucht hat, als sie verängstigt als kleines Mädchen in seiner Wohnung auftauchte. Denn irgendetwas ist in den letzten Kriegstagen vorgefallen, was ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt ist und den tiefen Bruch zwischen ihm und seiner Mutter verursacht hat. 

"Er beugte sich zu mir herunter und sagte: Du bist jetzt vier und sehr vernünftig. Er zog an meinen Zöpfen und drückte mir einen Abschiedskuss auf den Mittelscheitel, an dessen Wärme ich mich erinnerte, solange ich Sehnsucht nach ihm hatte. Der Kuss saß lebendig auf meinem Kopf wie eine kleine Maus. Ich konnte sie berühren und streicheln. Sie ging beim Waschen nicht verloren und ließ sich nicht auskämmen. Sie hatte braune Augen und ein weiches Fell."

Ein sehr berührendes Buch über die Nachkriegszeit in Hamburg bis zur Gegenwart. Wie erging es der Generation, die nach dem Bombenhagel geboren wurde? Wie lebt es sich in einer Stadt, die den Feuersturm erlebt hat? Schon lange nicht mehr habe ich ein Buch gelesen, was so viele Zwischentöne hat, so viele Bilder im Kopf heraufbeschwört und so viele unterschiedliche Ebenen beinhaltet. 

Bitte lesen!

Mittwoch, 1. Juni 2016

"Über uns der Himmel, unter uns das Meer" von Jojo Moyes

"Über uns der Himmel, unter uns das Meer" von Jojo Moyes - ein toller Roman über australische Kriegsbräute auf ihrem Weg nach England:
Margaret ist aufgeregt, sehr sogar. Endlich, nach so langer Zeit soll sie ihren Mann Joe wiedersehen, einen britischen Soldaten, den sie während seines Kriegseinsatzes in der Nähe Australiens kennengelernt und geheiratet hat. Wie ihr ging es vielen australischen Mädchen: sie alle haben während des 2. Weltkrieges britische Soldaten geheiratet, sind aber selbst in Australien geblieben. Und so organisierte die britische Armee in den ersten Wochen des lang herbeigesehnten Friedens Schiffstransporte für die sog. "Mauerblümchen-Frauen", um sie zu ihren Männern nach England zu bringen. Zu Männern, die sie teilweise nur eine Woch vor der Hochzeit kannten und teilweise länger als 1 Jahr nicht gesehen hatten. Wie wird das Wiedersehen sein? Werden sie sich überhaupt verstehen? Was erwartet die Frauen im vom Krieg zerbombten Europa? Und auch wenn sie die gleiche Sprache sprechen, können sie sich trotz ihrer verschiedenen Hintergründe zusammenraufen? 
 
All diese Fragen schwirren auch Margaret im Kopf herum, als sie das große Schiff zusammen mit 600 anderen Kriegsbräuten betritt. Eigentlich hatte sie gehofft, auf einem Passagierschiff ihre Reise anzutreten, jedoch gab es keine mehr und so findet sie sich auf einem umgebauten Flugzeugträger wieder, der auch mehrere hundert Soldaten befördert. Zusammen mit ihren Kabinengenossinen Avice, Jean und Frances versucht sie, ihre ganzen Gefühle, Erwartungen und Hoffnungen, Ängste und Sorgen auf ihrer langen Reise unter Kontrolle zu bekommen.

Ich fand das Buch trotz seiner knapp über 500 Seiten fast zu kurz. Gerne hätte ich noch mehr Details über diesen Abschnitt Zeitgeschichte erfahren und auch die anderen, teilweise nur kurz angerissenen Geschichten der mitreisenden Soldaten, des Kapitäns oder der anderen Frauen erzählt bekommen, va weil Jojo Moyes Schreibstil einen Seite um Seite weglesen lässt, ohne das man wahrnimmt, wie die Zeit um einen herum vergeht.

"Die Frauen passten nicht hierher. Sie waren zu bunt, ihre Haare zu lang, und überall flatterten Schals. Sein Schiff war eine geordnete Welt in Grautönen und Weiß gewesen. Allein die Farben brachten alles aus dem Gleichgewicht - so als hätte jemand eine Schar exotischer Vögel freigelassen, die jetzt kreischend Chaos produzierten. Ein paar der Frauen trugen sogar hohe Absätze, zum Teufel nochmal."

Montag, 30. Mai 2016

Buchthema Juni

Was lange währt, wird endlich gut: heute gibt es das neue Buch-Thema für den Juni!
Es lautet "Lies ein Self-Publishing Buch"


Caro liest

Viel Vergnügen!