Montag, 30. Januar 2017

"Das Schneemädchen" von Eowyn Ivey

Schnell noch lesen, bevor der Winter vorbei ist: 
Mabel und Jack wandern 1920 nach Alaska aus, wie viele ihrer Landsleute. Sie wissen, dass sie ein karges Leben erwartet, harte Arbeit auf den Feldern, im Winter der Boden festgefroren wie Stein und im Sommer Schwärme von Mücken aus den Sümpfen. Doch nach dem Verlust ihres Kindes erscheint es ihnen nur so möglich, weiterzuleben, neu anzufangen, zusammen zu bleiben. Es ist noch trostloser, als in ihren kühnsten Vorstellungen: Jack arbeitet den ganzen Tag unermüdlich, während Mabel versucht mit den wenigen Vorräten über den ersten Winter zu kommen, fernab jeglicher Zivilisation oder menschlicher Gesellschaft. Stattdessen Biber, Wölfe, Bären und andere Wildtiere, die sich an ihren Hühnern vergreifen wollen. 

 "Das also war Alaska - rauh, hart. Ein Holzhaus aus frisch geschlagenen, entrindeten Baumstämmen, ein Fleckchen Erde voller Baumstümpfe als Hof, Berge, deren Zacken sich in den Himmel bohrten. Jeden Tag fragte sie, kann ich mit dir auf die Felder kommen, und er sagte nein, bleib hier. Abends kam er mit gebeugtem Rücken zurück, übersät mit blauen Flecken und Insektenstichen. Sie kochte und putzte, kochte und putze und sah sich zunehmend aufgezehrt von dem Grau, bis selbst ihre Augen trüber wurden und die Welt ringsum der Farbe beraubt war."

Doch eines Tages beginnt es zu plötzlich zu schneien und Mabel und Jack sind wie Kinder, erfreuen sich an den Flocken, die vom Himmel fallen und bauen aus lauter Übermut ein kleines Schneemädchen, mit roten Fäustlingen und einem Schal. Und am nächsten Morgen scheint es, als husche ein kleinen Mädchen durch den Wald vor ihrer Hütte. Ist sie echt? Oder bilden sich die beiden das Kind nur ein? Kann ein Kind alleine in tiefstem Winter überhaupt überleben? Oder sind sie beide verrückt geworden?

Ein wunderschönes Buch. 
Das einfach Leben der damaligen Aussiedler, ihr ewiger Kampf gegen das Eis und den Schnee und gleichzeitig die Bewunderung für die Natur, ihre Geschöpfe und die wenigen Pflanzen, dazu die märchenhafte Geschichte um das Schneemädchen, welches Mabel und Jack neuen Lebensmut gibt und die wunderbare, ruhige Erzählweise machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem.

Dienstag, 22. November 2016

"Salz für die See" von Ruta Sepetys

So ein tolles Buch:

1945 steht Ost-Preußen kurz vor der Evakuierung, die russische Armee drängt immer mehr in das Land, doch die Nazis glauben noch immer stur an den Endsieg, die Bevölkerung auf ihren Höfen, Gutshäusern und in den Dörfern schon längst nicht mehr. Endlose Flüchtlingstrucks beherrschten die Straßen, überall herrscht Hunger und der eiskalte Winter tut sein Übriges. Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe von Flüchtlingen, die sich als Zweckgemeinschaft zusammen gefunden haben, um sich zur Ostseeküste durchzuschlagen, genauer gesagt nach Gotenhafen im besetzen Polen. Denn dort lagern mehrere ehemalige Vergnügungsschiffe, die die aus Preußen fliehenden Menschen nach Deutschland bringen sollen.
Joanna, bereits 1941 aus Lettland geflohen, hält die Gruppe zusammen. Sie ist ausgebildete Krankenschwester und hilft und verarztet, wo sie kann. Der Schuster und der kleine Streuner, der seine Großmutter auf dem langen Weg verloren hat, sind ebenfalls Teil ihrer Gruppe. Dazu stossen im Laufe der Geschichte noch Florian, dessen Rolle in diesen letzten Kriegstagen zunächst geheimnisvoll bleibt und Emilia, eine 15jährige Polin, die ebenfalls vor den herannahenden Russen flieht. Zusammen machen sie sich auf den Weg, um die Wilhelm Gustloff zu reichen, die sie nach Kiel bringen soll. Zu viele Menschen mit zu viel Gepäck, zu wenig Platz, zu wenig Rettungsboote und in der Tiefe der Ostsee lauern russische U-Boote.

"Ich lernte, mich zu verstellen. Ich wurde so gut darin, dass die Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung zu verschwimmen begann. Und manchmal, wenn ich mich richtig gut verstellte, konnte ich sogar mich selbst täuschen."

Eine teilweise schwer zu lesende Geschichte. Grauenvoll, erschreckend, brutal ist es den Menschen auf ihrer Flucht ergangen. Und dennoch lesenswert, denn nur so bleibt diese furchtbare Zeit in Erinnerung. Ich musste das Buch zwischendurch immer wieder aus der Hand legen, entweder um zu verarbeiten, was ich gerade gelesen hatte oder um weitere Informationen im Internet zu suchen, um diese Zeit umfassender zu verstehen. 

Unbedingte Leseempfehlung!

PS:
Wer noch mehr zu diesem Thema lesen möchte, dem empfehle ich die Bücher von Marion Gräfin Dönhoff, die selbst per Pferd über das gefrorene Haff aus Ostpreußen floh, die Sturmzeit-Trilogie von Charlotte Link, eine Familiengeschichte ab 1914, "Das Lied der Stare nach dem Frost" von Gisa Klönne oder "Altes Land" von Dörte Hansen, wobei die Flucht aus Ostpreußen hier nur sehr kurz angerissen wird.

Dienstag, 13. September 2016

"Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" von Ulla Scheler

Vom Suchen, Finden, Aufgeben und Loslassen: 

Auf der einen Seite haben wir Hanna, Abiturientin und klar strukturiert. Sie weiß genau, was sie nach dem Abitur will: studieren in einer fremden Stadt, lange geplant und davon wird nicht abgewichen. Und auf der anderen Seite steht Ben, ihr bester Freund seit frühester Kindheit. Der aneckt, anders ist, Graffiti sprüht und Gedichte liest. Dessen Vater sich umbrachte und dadurch etwas in ihm zerbrach. Zwischen ihnen war schon immer diese besondere Verbindung, schon immer schaffte es nur Ben, Hanna aus der Reserve zu locken, sie ihre Grenzen austesten zu lassen, sich aus der Sicherheit der Normalität zu bewegen und zu gucken, was passiert. Und so kommt es, dass Ben Hanna nach der Abiturfeier herausfordert, einfach so mit ihm in seinem klapprigen Auto ans Meer zu fahren, ausgestattet nur mit dem Nötigsten. Die Tage sind zunächst unbeschwert: Lagerfeuer, das Meer, Möwen, Sonnenuntergänge, Freiheit. Doch Ben beschäftigt etwas, tief drinnen in ihm gibt es etwas, dass er nicht bereit ist zu teilen. Etwas, dass ihn verändert hat und ihn immer wieder über seine Grenzen treten lässt. Und je mehr Hanna versucht, ihn zu verstehen, umso mehr verschließt er sich. 

"I dare you!"
Die Worte hingen in der Luft zwischen uns, entwickelten ihren Sog. 
Springen oder verlieren. Springen oder verlieren.
 
Die Geschichte zwischen Ben und Hanna ist viel mehr als eine Liebesgeschichte, die steht auch gar nicht so im Vordergrund, wie man vielleicht nach mancher Besprechung des Buches denken könnte. Es ist vielmehr eine Geschichte über die eigenen Möglichkeiten, über das Loslassen, sich Fallenlassen, Vertrauen. Was passiert, wenn man einfach mal nur macht statt erst zu  planen. 
Mich hat das Buch sehr beeindruckt, zum einen weil Ulla Scheler noch so jung ist und schon so kraftvoll schreibt und zum anderen, weil es einen unheimlich zum Denken über das eigene Leben und die eigenen, vielleicht auch verpassten Möglichkeiten herausfordert. 

"Früher hatte ich dieses Spiel oft gespielt. Manchmal mitten in der Nacht. Nachdem ich ein Buch beendet hatte und die Helden noch neben mir saßen, hatte ich meine Tasche gepackt, mich vor die Tür gesetzt und in die Dunkelheit gestarrt. Wenn ich nur lange genug dort warten würde, dann würde das Abenteuer vorbeilaufen und mich mitnehmen."

Montag, 29. August 2016

"Elanus" von Ursula Poznanski

Ganz frisch in den Buchläden:  

Jona ist gespannt. Was ihn wohl erwartet mit seinem Vollstipendium an der Viktor-Franz-Hess-Privatuniversität? Endlich kann er allen beweisen, dass er ein Mathegenie ist. Klar, er ist erst 17 und wirkt, im Vergleich zu den anderen Studenten, wie ein Kind. Aber er wird ihnen schon zeigen, dass er zu Recht an dieser Uni ist, notfalls mit seiner großen Klappe, die er vor allem seinen fehlenden sozialen Kompetenzen im Umgang mit seinen Mitmenschen zu verdanken hat und die ihn auch prompt gleich am ersten Tag ordentlich in Schwierigkeiten bringt. Dabei wollte er eigentlich nur Linda beeindrucken, hübsch und unerreichbar und an ihm noch vollkommen desinteressiert. Aber er wäre nicht Jona, wenn er so einfach aufgeben würde. Nicht umsonst ist er auch technisch sehr begabt und hat sich einen kleinen Helfer gebaut: "Elanus", eine Drohne - leise, geheim und steuerbar aus dem Zimmer seiner Gastfamilie. Alles, was er braucht, ist die Handynummer seines "Opfers" und schon er kann sie losschicken, um zu spionieren und in die Privatsphäre andere einzudringen, um dies zu seinem Vorteil zu nutzen. Skrupel diesbezüglich sind ihm fremd.

"Er startete den Aufnahmemodus, holte sich Lindas Augen, ihr zerzaustes Haar, ihr ganzes Zimmer auf seine Festplatte - er würde das alles künftig abrufen können, so oft er wollte." 

Doch alle seine Bemühungen scheinen umsonst, Linda lässt ihn abblitzen und das kann und will Jona sich nicht bieten lassen. Gekränkt macht einen folgenschweren Fehler, der ihn in tödliche Gefahr bringt, als er Dinge herausfindet, die nicht dazu bestimmt sind, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Denn irgendjemand hat gewaltig etwas dagegen und wird dies mit allen Mitteln zu verhindern versuchen.

Wie immer prefekt recherchiert und ein echtes Lesevergnügen!