Freitag, 21. August 2015

"Sommernovelle" von Christiane Neudecker

Was für ein wunderschönes Buch: "Sommernovelle" von Christiane Neudecker:

Zwei Mädchen, gerade mal 15 Jahre, reisen 1989 nach Sylt, um in den Pfingstferien auf einer Vogelschutzstation zu helfen. Sie sind voller Enthusiasmus, endlich fern von den Eltern, haben Angst vor der eigenen Courage und fühlen sich doch schon so erwachsen in ihren politischen Ansichten gegen Atomstrom und für den Umweltschutz. Mit wunderschönen Worten schafft es Chrstiane Neudecker diese Stimmung auf der Insel einzufangen, die Empfindungen der Mädchen zwischen Erwachsensein und Kind, wie es damals war ohne Internet und Handys, wenn man seine Eltern nur über ein Münztelefon erreichen konnte. Man kann das Meer auf jeder Seite riechen, den sturmgepeitschten Himmel sehen und das Geschrei der tausend brütenden Möwen, die ihre Nester schützen.

 "Es gibt diese Sommer nur in der Kindheit oder Jugend. Oder in der Erinnerung - für immer in den eigenen Gedanken geborgen. Sie verändern die Wahrnehmung. Manchmal steigen Momente aus diesen Sommern in unser Bewusstsein und versinken wieder. Sie durchbrechen die Oberfläche, sie schillern in der Tiefe. Man kann sie nur ahnen: ihre Wirkung, ihr Licht. Sie beeinflussen die Fragen, die wir stellen, sie lenken noch immer den Blick. Sie bleiben lautlos wie das Zittern, das vom warmen Sommerwind auf der Meeresebene erzeugt wird. Oder vom Schlagen einer Kirchturmuhr unter Wasser."

Montag, 17. August 2015

Interview mit Ursula Poznanski zu ihrem neuen Buch "Layers"


Heute erscheint endlich „Layers“, das neue Buch von Ursula Poznanski. 
Vor knapp einem Monat durfte ich die sehr sympathische Wiener Autorin auf Einladung des Loewe Verlages bei ihrem Besuch in Hamburg interviewen.



 In Ihrem neuen Buch „Layers“ geht es um den 17jährigen Dorian, der ohne festen Wohnsitz nach der Flucht von zu Hause, durch die Straßen einer Großstadt streift und sich eines Morgens neben einem toten Obdachlosen wiederfindet, ohne zu wissen, ob er vielleicht Schuld an dessen Tod ist. Seine „Rettung“ naht in Form einer Organisation, die sich um Jugendliche kümmert und von ihm im Gegenzug zu Kost, Logis und Bildung lediglich das Verteilen von Flugblättern  verlangt. So scheint es zumindest ... aber es wäre ja kein Buch von Ihnen, wenn es nicht eigentlich um etwas ganz anderes gehen würde. Wie und wann kam Ihnen die Idee zu diesem Buch?
 
Ich fand das Thema, um das es in dem Buch geht, nämlich „Augmented Reality“ sehr spannend als Romanstoff, einfach weil es das so noch nicht gab und so war Idee, das man etwas über die Wirklichkeit drüberlegen kann und sie dadurch verändert oder ergänzt, die Basis des Romans. Ich habe mir dann überlegt, was könnte man denn, wenn man diese Technologie noch um einiges verbessert, damit machen. Also eigentlich ein richtig klassischer Start für ein Buch. Manchmal fange ich von ganz anderen Ecken an und lande dann ganz woanders, doch hier war das eigentlich ganz geradlinig.


„Augmented Reality“ ist das große Thema ihres Buches, also die visuelle Erweiterung der Realität. Im Kleinen haben wir das ja schon in unserem Alltag integriert, sei es die eingeblendeten Entfernungsangabe bei der Ausführung eines Freistoßes im Fußball oder die Anzeige des Fahrtpreises in der Frontscheibe eines Taxis. In Ihrem Buch geht diese Erweiterung einen Schritt weiter. Wie haben Sie dieses Wissen zu diesem Buch recherchiert?
 
Ich habe viel darüber gelesen. Im Internet gibt es zB Videos, in denen gezeigt wird, wie und was man durch eine Datenbrille sieht. Unterhalten habe ich mich aber auch mit einem Wiener Professor als Experte, der zu diesem Thema forscht. Was geht schon, was geht noch nicht, was könnte bald gehen ... wäre das denn überhaupt bald rein technisch möglich und denkbar? Da ich keine technischen Details über die Funktionsweise der Brille im Buch erklären muss, hat mir das dann genügt. Ich habe aber auch sehr viel dazu erfunden, was es so noch gar nicht gibt.



 Welche Gefahren sehen Sie in dieser wohl nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung? 
 
Für realistisch und tatsächlich auch schon möglich, auch nach Aussage des Wiener Professors, halte ich die Personenerkennung, dh die Brille könnte auf eine vorhandenen Datenbank zurückgreifen und diese Daten mit der Wirklichkeit abgleichen. Wobei dies natürlich noch nicht fehlerfrei möglich ist und sich ganz leicht durch einen Bart oder eine große Brille verhindern lässt. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass es irgendwann so kommt, dass man mit einer Datenbrille rumläuft und von jedem Entgegenkommenden den Namen sieht und ein paar nette biografische Details.


Was würde man lesen können, wenn man Sie durch eine solche Brille  sehen würde?


(lacht) Hoffentlich nur „Ursula Poznanski, Autorin, aus Wien“



Ich empfinde das erschreckend, wenn ich mir überlege, wer diese Datenbank dann nutzen könnte, wer kann dann evtl. noch Daten einspeisen, um diese dann auch als Druckmittel zu benutzen.



Genau. Es gibt ja bei jedem von uns etwas, von dem man nicht möchte, dass es andere erfahren. Natürlich würden dagegen sofort Gesetze erlassen, um dies zu verhindern, nur Missbrauch wird es immer geben. Die anderen Dinge, die ich in meinem Buch beschreibe, halte ich aber noch nicht für realistisch, aber waren natürlich für den Fortlauf der Geschichte unerlässlich.



Sie haben selbst einen Sohn, der ca. 15 Jahre alt ist. Wie empfinden Sie diese virtuelle Welt, in der unsere Kinder leben und sich so selbstverständlich bewegen? Wie gehen Sie selbst als Mutter damit um?


Mein Sohn verbringt auch viel Zeit vor dem Computer. Aber wenn ich mal so gucke, was er macht, dann höre ich ihn unglaublich viel reden und mit seinen Kumpels quatschen in Chats oder ähnlichem, so wie ich früher stundenlang mit meiner Freundin am Telefon. Also eigentlich das Gegenteil von Vereinsamung vor dem Bildschirm, sondern eher die Fortsetzung von realen Kontakten im Netz. Aber so wie früher der Fernseher oder selbst zu viel Lesen verteufelt wurde, so verteufeln wir heute den Computer. Aber solange es nicht der einzige Teil des Lebens ist, mit dem man etwas anfangen kann, glaube ich, dass man den Kindern heutzutage, die damit einfach aufwachsen, zutrauen sollte, damit umgehen zu können. Und vieles ist ja wirklich auch sinnvoll, wie eben die Möglichkeit Kontakt mit Freunden zu halten über soziale Netzwerke. Das nutze ich selber viel und gerne.

  
Hat sich Ihr Blick auf Jugendliche durch diese technische Facette des Lebens in den letzten Jahren geändert?


Ja, auf jeden Fall. Der Computer macht einfach einen großen Teil ihres Lebens aus. Genauso wie man zB keinen Krimi mehr schreiben kann, ohne Handys miteinzubeziehen. Früher war das viel einfacher, Dinge passieren zu lassen, die man nicht so leicht durchschauen konnte. Nun erfinde ich ständig irgendwelche Netzlöcher, die es eigentlich kaum gibt. Aber dafür bietet diese technische Entwicklung natürlich auch wieder neuen Stoff, den man nutzen kann.



Dorian ist ein ganz normaler Junge, auf der Flucht vor seinem gewalttätigen Vater und eigentlich nur auf der Suche nach einem Zuhause, Zuneigung  und Anerkennung. Ist die Akzeptanz und Identifikation ihrer Leser mit ihrer Hauptfigur dadurch größer, als wenn er einen strahlender alles überragender Held wäre, wie man ihn manchmal in anderen Büchern trifft?


Ich glaube, der Leser will va einen Protagonisten, der sich entwickelt. Und eine große Rolle spielt auch immer die Möglichkeit der Identifikation: jemand, der so ähnlich ist wie man selbst, ist eine ganz andere Art von Identifikationsfigur als der Überheld. In der „Eleria“-Trilogie sind diese Überhelden etwas angedeutet, weil die Hauptpersonen spezielle Fähigkeiten antrainiert bekommen haben, aber sonst findet man diese Art von Hauptperson in meinen Büchern eher selten. Ich gestehe aber, eher den Held so zu gestalten, wie er mir gefallen würde und nicht unbedingt wie der Leser es gerne hätte.



 Auch Moral und Ethik spielen, wie schon in der von Ihnen eben angesprochenen „Eleria-Trilogie“, eine große Rolle. „Der Zweck heiligt die Mittel“ kam mir immer in den Sinn bei der Lektüre von „Layers“. Ist es eine Entwicklung in unserer Gesellschaft, die Sie beobachten, dass man bereit ist, für seine Ziele buchstäblich über Leichen zu gehen? Und ist es so, dass man große Unternehmen nur durch Sanktionen am eigenen Leib dazu bringen kann, dass sich etwas in ihrem Produktionsablauf ändert?
 
Ich denke schon, dass das Gewinndenken in unserer Gesellschaft sehr verbreitet ist und einen ganz großen Stellenwert hat. Und selten wird jemand in der Wirtschaft etwas jemandem zuliebe tun, was zu seinem Nachteil ist. Das Denken in der Wirtschaft ist einfach gewinnorientiert und in der Bevölkerung hauptsächlich angstorientiert.



Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie beim Schreiben ihrer Bücher gerne Musik hören. Welche Musik war das bei „Layers“?


Zu „Layers“ habe ich auch wieder am liebsten Soundtracks gehört, zB „The Fountain“. Ich suche dann auch spezielle Lieder, die, wie ich meine, zu der gerade zu schreibenden Szene passen. Ein Klassiker, den ich bei fast jedem Buch höre, ist „Inception“, weil es ganz im Hintergrund beim Schreiben bleibt. Hauptsache, es wird nicht gesungen! Und Klassik geht auch nicht, denn die ist viel zu dominant. Soundtracks sind ideal, weil sie dazu geschrieben werden, die Bilder auf der Leinwand zu verstärken. Lesen kann ich mit Musik auch ganz schlecht, aber beim Schreiben bleibt man ja auf der analytischen Ebene und da hilft die Musik sehr.



 Was macht mehr Spaß? Einzeltitel? Mehrteiler? Bücher für Erwachsene? Bücher für Jugendliche?
 
Alles! Wahrscheinlich macht es gerade die Abwechslung: erst ein Jugendbuch und dann ein Thriller für Erwachsene. Wobei sich der Schreibstil bei mir nicht so grandios ändert. Die Sprache ist zwar schon etwas anders, aber nicht diametral entgegen gesetzt, dh es gibt schon Unterschiede, aber sie sind kleiner als man denkt.



 Liegt das auch daran, weil immer mehr Erwachsene auch Jugendbücher lesen?
 
Auch! In Sprache und Handlung mache ich geringfügige Abstriche. In Erwachsenenthrillern bin ich deutlich brutaler, aber in meinen Jugendbüchern fasse ich diese auch nicht mit Samthandschuhen an. Gar keine Rücksicht aber nehme ich im Hinblick auf die Komplexität der Handlung. Seit J.K. Rowling mit „Harry Potter“ gezeigt hat, das auch ein wirklich zu Beginn undurchschaubarer Plot sich für ein Kinder- bzw. Jugendbuch eignet, schreibe ich so, wie es meiner Art zu Schreiben am meisten entspricht.



 Wie muss man sich Ihre Schreib-Routine vorstellen? 
 
Ich habe ein Schreibzimmer bzw. ein Büro, schreibe aber nicht gerne am Schreibtisch, sondern lieber auf einer Art Relaxliege mit einem Tablett und meinem Laptop drauf. Es fühlt sich dann weniger nach Arbeit an. Und für den Rücken ist es auch besser! Wobei ich auch zum Prokrastinieren neige. Es steht ja keiner hinter mir und sagt, jetzt schreib, sondern ich muss mich ja selbst antreiben. Und dann überliste ich mich eben, indem ich es mir gemütlich mache und schon fühlt sich Schreiben nicht mehr wie Arbeit, sondern wie Freizeit an.



Haben Sie vorher ein genaues Konzept, bevor Sie anfangen zu schreiben? 


Ich habe auf jeden Fall einen Anfang und eine Auflösung. Und dann habe ich noch ein paar Fixpukte, als zB Szenen, von denen ich denke, dass sie ie unbedingt in das Buch hinein müssen. Und der Rest passiert dann während des Schreibprozesses. Ich versuche 1.300 Worte pro Tag zu schreiben, das schaffe ich zu Beginn eines Buches meist kaum, weil ich mich erst einmal reinfinden muss. Am Ende geht es dann besser, weil auch der Abgabetermin im Nacken sitzt, da schaffe ich dann auch mehr.



Als Buchblogger interessiert mich natürlich auch die Frage, welche Bedeutung Literatur-Blogs für Sie als Autorin haben?


Ich empfinde den Austausch als sehr schön. Natürlich kommen sehr viele Anfragen nach Interviews, auch gerne mit Fragen in epischer Breite, deren Beantwortung mich einen ganzen Tag kosten würden. Da bitte ich dann darum, sich etwas kürzer zu fassen und dann beantworte ich diese Fragen gerne. Generell aber mag ich Buchblogs sehr gerne, denn das sind Leute, die Bücher richtig gerne lesen und habe auch noch keine negativen Erfahrungen gemacht, mit welchen, die nur Bücher abstauben wollen. An manchen Ecken treibt es komische Blüten, das bekomme ich aber nur am Rande von Kollegen mit. Aber generell finde ich es eine tolle Entwicklung, dass sich dort eine Szene entwickelt, die sich untereinander austauscht. Ich persönlich suche aber keine Rezensionen meiner Bücher im Netz, aber nicht weil ich Kritik nicht mag. Ich habe großes Verständnis dafür, wenn jemand mein Buch nicht mag. Aber ich habe schon beobachtet, dass sich manche Kritiker auf Amazon zB auf einen Autor einschießen und dort nach und nach dessen Bewertungen runterziehen. Als Autor steht man dem hilflos gegenüber und Amazon macht da nicht groß was. Da würde ich mir wirklich eine Pflicht zu Klarnamen wünschen.



Nach Thriller und Dystopie stellt sich natürlich die Frage: Welches Genre würden Sie denn gerne mal schreiben? Ich wünsche mir jetzt Fantasy von Ihnen.
 
Fantasy wollte ich eigentlich ursprünglich schreiben und habe auch damals damit angefangen. 500 Seiten Fantasy liegen auf meiner Festplatte, aber damals meinte mein Agent, das würde momentan nicht gesucht sein. Zu Fantasy habe ich also durchaus einen Draht und es kann tatsächlich mal passieren, das da was kommt. Aber im Moment bin ich mit anderen Dingen super ausgelastet.



 Auch als Blogger kennt auch man dieses Leeregefühl, wenn einem nichts einfällt oder man sich fragt, wer will das eigentlich lesen, was ich hier schreibe. Wie gehen Sie damit um?
 
Es kommt darauf an, wieviel Zeit ich noch für das Buch habe. Bei einem Schreibloch und viel Zeit, sage ich mir „Ok, heute nicht“. Aber meist habe ich diese Zeit leider nicht. Wenn ich aber mitten in einer Szene stecke und nicht recht voran komme, ich aber weiß dass diese Szene sein muss, weil sie eine wichtige Zwischenszene ist, dann versuche ich mich zu überlisten. Ich versuche dann wenigsten 5 bis 6 Sätze zu schreiben und lasse es dann bleiben. Oft ist es dann so, dass es plötzlich trotzdem weitergeht.



 Und wie gehen Sie mit Zeitdruck und Leistungsdruck um, denn ihre letzten Bücher waren alle sehr erfolgreich.
 
Das verdränge ich total. Ich schreibe noch immer so wie beim ersten Buch. Der Druck kommt dann eigentlich erst beim Erscheinen, wenn man die Vormerker sieht und die ersten Zahlen bekommt, wo steigt das Buch auf den Listen ein. Aber darauf habe ich dann keinen Einfluss mehr.



 Schaffen Sie es überhaupt selbst noch, Bücher zu lesen? 


Ja, ich lese auch noch. Natürlich nicht mehr ganz so viel wie früher, als ich noch nicht selbst geschrieben habe und es dauert auch länger. Man will einfach manchmal abends keine Buchstaben mehr sehen. Ich lese viele Bücher von Kollegen, weil wir uns auch viel austauschen und sonst Bücher, die mich in der Buchhandlung ansprechen unabhängig vom Genre.



Noch eine Frage zum Abschluß:

Ihr nächstes Projekt ist ein gemeinschaftliches Buch zusammen mit Arno Strobel, das im Herbst erscheint. Wie kam es dazu und inwiefern unterscheidet sich das Zusammen- vom Alleineschreiben?


Genau, das Buch ist schon fertig, erscheint im Oktober und heißt „Fremd“. Zusammen zu Schreiben macht richtig Spaß! Zuerst dachten wir beide, das geht nicht, denn dann pfuscht einem ja ständig jemand ins Handwerk und Schreiben ist eigentlich etwas, das man mit sich selbst ausmacht, weil sich die Gedankengänge eben hauptsächlich im Kopf abspielen. Das man aber zusammen eine Geschichte entwickelt, mit der beide happy sind, das konnte weder er noch ich mir zu Beginn vorstellen. Wir hatten aber schon bei der Idee zu dem Buch nach einem Messetag so einen Spaß und eine Idee war auch schon im Ansatz vorhanden, so dass ich dann mal ein Kapitel geschrieben habe und dann er und dann haben wir gedacht „Das liest sich eigentlich saugut!“. Und nachdem es dann plötzlich schon über 40 Seiten waren, haben wir gedacht, das wäre schon schade, wenn das niemand außer uns lesen würde. Der Wunderlich Verlag, in dem auch meine Erwachsenenbücher erscheinen, hat sich dann die Rechte gesichert und dann ging es richtig los. Die ganze Geschichte haben wir zu Beginn komplett durchgeplottet, da wir immer aus unterschiedlichen Perspektiven schreiben, ich aus der weiblichen und Arno Strobel aus der männlichen. Und dann ging das Schreiben auch ganz schnell, weil ich genau wusste, jetzt bin ich wieder dran und muss über das und das schreiben. Da wir auch ähnlich ticken, haben wir uns gut ergänzt und uns nicht dramatisch widersprochen. Und das hat so gut geklappt, das wir jetzt gerade dabei sind, das zweite Buch zusammen zu plotten.



Liebe Frau Poznanski, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei ihren nächsten Projekten!


Dienstag, 28. Juli 2015

Elisabeth wird vermisst.

Maud hat Alzheimer. Langsam aber stetig übernimmt diese Krankheit immer mehr ihren Geist, ihr Handeln, ihre Gedanken. Sie ist eine alte Dame, der niemand glaubt; eine alte Dame, die sich manchmal nicht sicher ist, ob sie sich selbst glauben kann. In ihrer Handtasche befinden sich unzählige kleine Notizzettel, auf denen Maud sich Dinge notiert hat, die sie nicht vergessen darf. Auf den meisten Zetteln steht "Elisabeth wird vermisst". Maud ist sich ganz sicher, dass ihre Freundin Elisabeth vermisst wird. Bei ihr zu Hause macht niemand auf und ans Telefon geht sie auch nicht. Maud sucht Elisabeth und sucht immer wieder bei ihrer Tochter Helen Hilfe.


"Da hängt ein großer Zettel über dem Ofen, auf dem steht, dass ich mir nichts kochen soll, aber ich hätte doch so gerne ein Ei zu meinem Toast. Ein Ei zu kochen ist doch sicherlich erlaubt. Schließlich kann man das kaum kochen kennen. Ich drehe das Gas auf und fülle einen Kochtopf mit Wasser....

Helen kümmert sich um ihre Mama. Sie geht für sie einkaufen, wobei Maud selbst gut und gerne einkauft, am liebsten Dosenpfirsiche, und bittet sie immer  wieder, nicht den Gasherd anzustellen. Aus Mauds Sicht wird beschrieben, wie sie durch den Tag geht, wie sie vergisst, dass sie schon gegessen hat und sich deswegen schon wieder ein Toast mit Käse belegt. Sie vergisst den Weg von Elisabeths Haus zu ihrem eigenen Haus und so ist Helen immer wieder gefordert, ihrer Mama zu Hilfe zu eilen.

Maud kann das Hier und Heute nicht mehr verstehen, aber die Vergangenheit, die sieht sie gestochenscharf vor ihrem inneren Auge. Ihre Kindheit und Jugend, die Kriegsjahre, das Familienleben, der Untermieter Doug und das schlimmste und einschneidendste Ereignis: das Verschwinden ihrer älteren Schwester.

Emma Healey erzählt zwei Zeitebenen und das mag ich sehr. Mal machen wir uns auf die Suche nach Elisabeth, mal auf die Suche nach Mauds Schwester. Ob die beiden gefunden werden, verrate ich nicht. Elisabeth wird vermisst ist eine einfühlsame und spannende Geschichte und trotz der tragischen Umstände kommt der Humor keineswegs zu kurz.

Montag, 20. Juli 2015

Das Jahr des Rehs.

Das Jahr des Rehs ist ein wunderwundervoller Briefroman. Eigentlich ein Emailroman. Bella Becker und Sabine Born waren in der Jugend unzutrennlich. Nach dem Studium verloren sie sich aus den Augen. 17 Jahr später schreibt Bella eine Email an ihre alte Freundin Bine. Sie ist ein bisschen aufgeregt, weil sie zum einen gar nicht sicher ist, ob sie die richtige Email Adresse von Bine im Internet gefunden hat, zum anderen hat sie die Befürchtung, dass Bine vielleicht gar keine Lust auf die Wiederbelebung der alten Freundschaft hat. Bine hat aber große Lust und freut sich sehr über die Email ihrer Freundin. Die beiden schreiben sich fortan regelmäßig Mails, lachen und weinen über alte Zeiten, schreiben aber meistens über das Hier und Jetzt.


Bella lebt mit ihrem Sohn in Berlin. Sie ist Journalistin und hält an der On-Off-Beziehung zu ihrer Jugendliebe fest. Sie kann Gefühle so schön in Worte fassen, ist mal fröhlich glücklich und dann wieder traurig und betroffen. Bine ist in ihrem hessischen Heimatort hängen geblieben, ist erfolgreiche Architektin, hat zwei Kinder, Mann und Hunde. Sie ist unglücklich, die Ehe steht vor dem Aus. Immer mal wieder treffen sich die Freundinnen, was in weiteren Emails erkenntlich wird, aber die meiste Zeit schreiben sie.

"Schon 6.45 Uhr, guten Morgen nach Engbach, jetzt brauch ich ein Schokocroissant und einen starken Kaffee. Ob der Bäcker unten das weiß?! Und dann leg ich mich noch mal ins Bett, wenn die Sonne aufgeht an diesem Sonntag und der Mond sich versteckt bis zur nächsten Runde...

Mir hat dieses Buch unglaublich gut gefallen. Das Leben der beiden Frauen, die beide um die 40 Jahre sind, wird so real und greifbar erzählt. Es ist ein Gegenwartsroman, in den ich mich sehr gut reindenken und einfühlen konnte. Kurzweilig und inspirierend, selbst mal wieder mehr zu schreiben und zwar richtig zu schreiben, nicht nur Kurznachrichten zu verfassen.