Samstag, 29. September 2012

Blogtour zu "Noir" von Jenny-Mai Nuyen

Heute dürfen wir einen exklusiven Beitrag von Jenny-Mai Nuyen zu ihrem neuen Roman "Noir" veröffentlichen: "Szenen, die es nicht in den Roman geschafft haben" 
Viel Spaß damit!



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Szenen, die es nicht in den Roman geschafft haben

In einem der vorherigen Blogtour-Beiträge ging es darum, wie schwierig für mich der Übergang von Fantasywelten in die Wirklichkeit war. Gerade am Anfang des Romans fühlte ich mich noch unsicher, daher schrieb ich mehrere Versionen des Prologs: Einmal aus der Perspektive des Vaters und einmal aus der Perspektive der Mutter des Helden Nino Sorokin. Ins Buch geschafft hat es die Vater-Version - dennoch war es wichtig für mich, die Szene, in der immerhin zwei Menschen sterben und ein dritter ein Nahtoderlebnis hat, aus allen Perspektiven beleuchtet zu haben. So wurde die fremde Welt um mich herum allmählich dreidimensional.  Hier ist ein Auszug aus dem "Mutter-Prolog":

Prolog II
Das Sterben

An dem Nachmittag, an dem Lucia Sorokin starb, hatte sie einen seltsamen Traum. Gerade so deutlich, dass man ihn nicht ignorieren konnte, klebte er ihr wie ein Fettfilm am Gaumen. Ihr Sohn war darin vorgekommen, als erwachsener Mann.
Sie drehte sich zu ihm um und lächelte. Nino bemerkte es nicht. Die pummeligen Beinchen vor sich ausgestreckt, saß er im Kindersitz und starrte aus dem Autofenster. Was wohl in ihm vorging? Er war jetzt fast fünf, er konnte sich schon verständigen, aber was war mit den Dingen, für die er noch keine Worte hatte?
„Die gibt es nicht“, war Alexejs Meinung gewesen, als sie einmal mit ihm darüber geredet hatte. „Wie soll er an was denken, was er nicht kennt? Sein Köpfchen ist noch im Paradies.“
Manchmal fiel es ihr schwer, das zu glauben. Sie hatte in Sizilien eine Urgroßmutter gehabt, die so alt war, dass sie auf nichts und niemanden mehr reagierte. Aber sie hatte aus dem Fenster ihres Zimmers geblickt wie Nino jetzt: gedankenverloren. Als wohnte ein Wissen in den Menschen, die Geburt und Tod nahe waren, das sich durch kein Zeichen an die Außenwelt beweisen wollte. Eine Weisheit.
Alexej bremste scharf ab, als ein Mercedes ohne zu blinken die Spur wechselte. Ein Schwall russischer Flüche folgte, dann gab Alexej Gas und überholte den silbernen Wagen mit einem waghalsigen Schlenker. Der Fiat dröhnte und zitterte bis ins Blechdach.
„Mein Gott!“ Sie presste sich eine Hand auf die Brust. „Musst du deine Wut hier rauslassen, auf der Straße?“
„Welche Wut?“, erwiderte Alexej gereizt. „Ich bin ruhig!“
Sie warf ihrem Mann einen vielsagenden Blick zu. Eine Weile malmte Alexej nur mit den Zähnen. Aber es war abzusehen, dass er sein Schweigen nicht halten würde, und tatsächlich grummelte er bald: „Ich habe jedes Recht, wütend zu sein. Meine Tochter ist einer Sekte zum Opfer gefallen.“
„Es ist keine Sekte, es ist eine Wohngemeinschaft. Katjuscha ist achtzehn.“
„Was heißt denn achtzehn!“
„Dass sie erwachsen ist. Und dass du das zu respektieren hast.“
„Tu ich.“
„Wieso dann Pelmeni mit Schweinefleisch?“ Sie bohrte ihren Finger in das heiße, in Alufolie gewickelte Paket auf seinem Schoß.
„Wir haben die immer gemacht, wenn ich da war. Es ist Tradition, dass ich, wenn ich sie besuche …“
„Sie ist aber jetzt Vegetarierin! Ach, Alex.“ Sie massierte sich die Nasenwurzel. Im Grunde war er rührend als Vater; die Pelmeni, für die er drei Stunden lang die Küche verwüstet hatte, waren ja nichts anderes als ein verzweifelter Bestechungsversuch, um Katjuscha wieder auf den rechten Weg zu locken. Aber es war eben nicht der rechte Weg. Nicht für seine heranwachsende Tochter. Hoffentlich hatten sie nie solche Probleme, wenn Nino groß war … Plötzlich kam der Traum ihr wieder in den Sinn, rutschte über die Wirklichkeit wie ein Schleier: Der junge Mann, der Nino war, folgte einem weißen Pfad. Es war ein Pfad aus Schnee, nein, aus Eis oder Wasser – ja, sehr träges, helles Wasser. Er bewegte beim Laufen die Schultern wie Alexej, wenn er vornübergebeugt am Klavier saß, die großen Hände auf den Tasten, und die Augen schloss. Dann kniete er nieder, dass sie sein Gesicht im Profil sah, und wie schön er war – er erinnerte sie an ihre Mutter in jungen Jahren, mit einer Ahnung von Alexejs Zügen. Er füllte eine Waffe, nein … eine Spritze mit dem trägen weißen Wasser auf und stach sich die Nadel mit beiden Händen zwischen die Augen. In dem Moment, da sich die Seligkeit der Droge dunklem Samt gleich über sein Gesicht ergoss, wollte Lucia vor Kummer schreien. Er darf nicht das Bewusstsein verlieren, dachte sie. Nicht einmal im Schlaf, nicht im schönsten Traum. Nino, bleib wach. Bleib wach!
Sie rieb sich über das Gesicht und schüttelte die Erinnerung an den merkwürdigen Traum ab. Wie so oft nach einem Mittagsschlaf fühlte sie sich erschöpfter als davor.
„Alexej? Halt bitte da vorne an, wir kaufen einen Strauß Blumen und werfen das Fleisch weg.“
„Nein, auf keinen Fall! Die Pelmeni sind …“
„Du musst akzeptieren, dass …“
„Sie ist meine Tochter!“
„Akzeptieren, dass sie jetzt …“
Während Lucia und Alexej Sorokin die letzten Minuten ihres Lebens um ein Alufolienpaket stritten, schlugen im Bewusstsein ihres Sohnes erste Erinnerungen Wurzeln.

Jenny-Mai Nuyen im September 2012



Die Blogtour geht morgen weiter bei Wonder´s Bücherkiste.

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