Montag, 4. März 2013

The Casual Vacancy (Gastbeitrag)

Der heutige Gastbeitrag stammt von Hadassa / Fragmente (m)eines Lebens:

 

Ich will es gleich zugeben: Für diesen Roman hätte ich mich wohl eher nicht interessiert, wenn er nicht von der Mutter des Harry Potter-Universums geschrieben worden wäre.

Allein das retro-spießige Cover hätte vermutlich gereicht, um mich abzuschrecken, und dass ein Plot um ein plötzlich verstorbenes Gemeinderatsmitglied in einer englischen Kleinstadt - außer als Einschlafhilfe - Potenzial haben könnte, scheint auf den ersten Blick doch recht unwahrscheinlich.

Nun, ich bin froh, dass Rowling dieses Werk zu verantworten hat, denn hinter der nüchternen Aufmachung und dem vagen Klappentext verbirgt sich ein Gesellschaftsroman von besonderer Klasse. Rowling porträtiert Leben und (Un-)Taten ganz gewöhnlicher Leute aus einem Querschnitt der englischen Bevölkerung und verwebt sie zu einem Geflecht aus kleinbürgerlichen Intrigen, Grabenkämpfen und teils unverhohlenem Hass, durch das nur selten das "Gute im Menschen" schimmert. In einem der Charaktere, bzw. manchem Denkmuster, wird sich wohl fast jeder Leser wiederfinden, sodass die Geschichte nicht zuletzt zur Selbstreflektion anregt, ob sie es will oder nicht. Besonders reizvoll fand ich, dass man die einzelnen Personen und Ereignisse durch die Augen der anderen von ganz vielen verschiedenen Facetten "kennenlernt" und erlebt, das macht es unheimlich vielschichtig.

Fällt es anfangs noch schwer, die vielen Charakternamen zu behalten (zwischendurch erwog ich sogar, ein Namensregister zu führen...) und die unübersichtlichen Verbindungen zwischen ihnen zu durchschauen, wird man als Leser schon bald immer tiefer in den Strudel dieser Beziehungen und deren Faszination gezogen. Dieser Roman um eine kleine Stadt ist tragisch, an einigen Stellen hielt ich vor Grauen die Luft an, und besticht gleichzeitig durch viel (schwarzen) Humor, der mich immer wieder herzhaft zum Lachen gebracht hat. Über weite Strecken fragte ich mich, worauf das Ganze hinauslaufen, wohin sich die Ereignisse zuspitzen werden, und blieb letztlich überwältigt zurück. Es ist ein dunkles Ende, doch nicht ohne Hoffnungsschimmer für die klein(kariert)e Stadt und ihre Bewohner.

Keine leichte Lektüre. Kein zauberhaftes Märchen und kein "Cosy Crime". Aber ein großer Roman.

(Hinweis: Ich habe das Buch in der Originalversion gelesen. Ob die Übersetzung etwas taugt, kann ich daher nicht beurteilen.)

Kommentare:

  1. Hallo Caro,
    ich lese gerade die Deutsche Übersetzung. Hätte ich mir wahrscheinlich auch nicht gekauft, war ein Weihnachtsgeschenk. Trotzdem kann ich es wirklich weiterempfehlen! Nur mit den Namen hatte ich anfangs auch Probleme... ;-)
    Es ist wirklich vielschichtig, hintergründig, ehrlich, erschreckend und trotzdem oder deswegen (?) kann man es nicht weglegen.
    Auf jeden Fall zeigt J.K. Rowling, dass sie nicht nur H.P. kann... (Die habe ich übrigens alle auf Englisch gelesen... ;-))
    Liebe Grüße
    Tanja

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  2. Hallo Caro, du hast den Roman sehr gut beschrieben - ich habe allerdings den doofen Fehler gemacht, nach 100 Seiten den Schluss zu lesen und jetzt hat er seinen Reiz verloren :-( Grüße Petra

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  3. hmh, ich danke dir für diese Rezension, ich hab den Roman (auch in OV) nämlich erstmal beiseite gelegt, weil ich mit den ganzen Figuren nicht klar komme und auch bisher nix passiert. Aber deine Beschreibung macht mir Mut, es nochmal zu versuchen. Der Schreibstil ist ja auch nach wie vor sehr angenehm...

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  4. Danke für diese Rezension. Ich bin kein Harry-Potter-Fan bzw. habe noch nie einen Harry Potter gelesen (hüstl, hüstl), allerdings habe ich diesen Roman sehrwohl auf meiner "To-read-Liste". Doch hat mich das komische Cover auch nicht wirklich angesprochen. Dank deiner Rezension werde ich mir das englische Buch dann jetzt doch mal zulegen.

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