Donnerstag, 9. Juni 2016

"Trümmergöre" von Monika Held

Über eine Kindheit im Nachkriegs-Hamburg: 
 
"1923 kostete ein Ei 320 Milliarden Papiermark!" 
Jula liebt solche Geschichten, die ihre Großmutter ihr erzählt. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wächst sie zunächst bei ihr auf, nachdem ihr Vater sie mit vier Jahren bei ihr abgegeben hat, um wieder seinem Beruf nachgehen zu können. Sie versteht nicht, warum er sie dort zurück gelassen hat. Sie versteht auch nicht, warum in der Wohnung der Großmutter noch Onkel Hans lebt, denn die Großmutter und er sprechen nicht miteinander. Aber sie gewöhnt sich daran, denn in diesen schweren Zeiten ist nichts normal. Sie geht zur Schule und danach zum Platz, auf dem ihr Onkel gebrauchte Autos verkauft. Sie macht ihre Hausaufgaben bei Schuten-Ede in einer Kneipe auf St. Pauli und möchte eines Tages so werden wie Inge-Musch, das Flittchen. Sie ist Trümmer-Ottos As im Ärmel, wenn er Verhandlungen führt. Und als ihr Vater sie mit 12 Jahren wieder zu sich holt, ist er entsetzt, was aus ihr geworden ist. Doch Jula ist nicht bereit, ihre alten Freunde aufzugeben, besucht sie weiter heimlich, auch wenn sich das für eine Diplomatentochter nicht gehört. Und sieht immer mehr, welche Last sie alle mit sich herumtragen, wie sie es trotzdem schaffen, jeden Tag neu zu beginnen und vor allem weiß sie, dass Onkel Hans sie jetzt braucht, so wie sie ihn gebraucht hat, als sie verängstigt als kleines Mädchen in seiner Wohnung auftauchte. Denn irgendetwas ist in den letzten Kriegstagen vorgefallen, was ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt ist und den tiefen Bruch zwischen ihm und seiner Mutter verursacht hat. 

"Er beugte sich zu mir herunter und sagte: Du bist jetzt vier und sehr vernünftig. Er zog an meinen Zöpfen und drückte mir einen Abschiedskuss auf den Mittelscheitel, an dessen Wärme ich mich erinnerte, solange ich Sehnsucht nach ihm hatte. Der Kuss saß lebendig auf meinem Kopf wie eine kleine Maus. Ich konnte sie berühren und streicheln. Sie ging beim Waschen nicht verloren und ließ sich nicht auskämmen. Sie hatte braune Augen und ein weiches Fell."

Ein sehr berührendes Buch über die Nachkriegszeit in Hamburg bis zur Gegenwart. Wie erging es der Generation, die nach dem Bombenhagel geboren wurde? Wie lebt es sich in einer Stadt, die den Feuersturm erlebt hat? Schon lange nicht mehr habe ich ein Buch gelesen, was so viele Zwischentöne hat, so viele Bilder im Kopf heraufbeschwört und so viele unterschiedliche Ebenen beinhaltet. 

Bitte lesen!

Kommentare:

  1. Das sind Bücher, die ich liebe...
    Ich setze es mal auf meinen Stapel...
    Danke fürs vorstellen,
    Andrea

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  2. Ich hatte schon bei der Buchvorstellung Gänsehaut.
    Das Buch ist nun gleich auf meiner (nicht sehr langen) Liste gelandet.
    Hamburg wird für mich gerade immer interessanter.
    Liebe Grüße
    Bärbel ☼

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